CD Dunkle Nacht

CD Dunkle Nacht | La Noche Oscura Kunst-Station

KreuzMit der CD „La Noche Oscura – Die Dunkle Nacht“ wagt die Kunst-Station Sankt Peter Köln einmal mehr die Synthese aus Kerntradition und zeitgenössischer Kultur. Die CD stellt Lyrik des Mystikers Johannes vom Kreuz und Orgelimprovisationen Dominik Sustecks an den Orgeln für Neue Musik in Sankt Peter in einen spannungsvollen Dialog. Die Gedichte erzählen oft rätselhaft von der großen Liebesbeziehung der Seele mit Gott. Die Seele, in ihrer Unvollkommenheit angerührt und in Liebe entbrannt, leidet die Qualen der Sehnsucht und Unerreichbarkeit des Geliebten. Seine Abwesenheit erweist sich jedoch als unentdeckte Anwesenheit, ihr Leiden als Folge der Läuterung, durch die Gott sich die Seele angleichen und letztlich mit ihr vereinigen will. Hierin erfährt sie das höchste Glück, das sie in verschiedenen Bildern besingt.

Wo hast du dich versteckt,/ Geliebter, und hast mich seufzend zurückgelassen?/ Wie der Hirsch bist du entflohen,/ nachdem du mich verwundet hast;/ ich lief dir nach, rufend, doch du warst gegangen.

Sehr wirkungsvoll ist, dass den deutschen Übersetzungen jeweils ein Segment des spanischen Originals vorangestellt ist, das die ursprüngliche Klangwelt erfahrbar werden lässt. Die Texte fließen in einer großen Ruhe, die dem feinen Sprachrhythmus nachspürt und dem mystischen Inhalt angenehm viel Raum lässt. Besonders die Leserin der deutschen Übertragung hat eine erfreuliche Balance gefunden zwischen einer zärtlichen Behandlung der dichten Sprache und der interpretatorischen Zurückhaltung, die den Text aus sich selbst wirken lassen kann.

So blieb ich und vergaß mich selbst,/ neigte das Antlitz über den Geliebten./ Alles erlosch, ich gab mich auf,/ ließ meine Sorge fahren,/ vergessen unter Lilien.

Die Orgelimprovisationen nehmen den ruhigen Fluss der Sprache auf durch sich beständig wandelnde Klangflächen, die nach und nach einen zeitfreien Raum zu eröffnen scheinen. Dominik Susteck improvisiert mit großer Souveränität freie Formen, die wie selbstverständlich den Bedeutungsgehalt der Lyrik anziehen, ohne sich in oberflächlichen Analogien zu erschöpfen. Bemerkenswert ist, wie die fein nuancierten Klänge der Orgel an sich eine Deutung in dem auf das Ganze transzendierten Raum abgeben. So entsteht eine Musik des Innenraums, die nicht die Intention des Urhebers in den Mittelpunkt rückt, sondern sich selbst transzendiert auf das Wesen von Musik, auf die Wahrnehmung ihrer Schwingung, Farben und Zeit.

Unvermutet zahlreich sind die Bezüge des Mystikers und Dichters Johannes vom Kreuz zum 20. Jahrhundert. Das Beieinander von menschlicher Dunkelheit und rätselhafter Anwesenheit Gottes, die Suche nach Entsagung und Einsamkeit als Äußerung von Leidenschaft, verhüllt in eine wunderschöne lyrische Sprache des 16. Jahrhundert, erscheint zuweilen als Sinnbild gegenwärtiger und jüngst vergangener menschlicher Erfahrung. Es verknüpft sich unwillkürlich ein Bild von Zeitgenossenschaft als innerer Bezogenheit auf ein mehr als historisches Geschehen.

Samuel Dobernecker