Dionysius und die Dynamik von Netzwerken

Zum Neubau St. Antonius Düsseldorf

Krisen erfordern Kreativität. In Zeiten der Erosion des christlichen Gottesglaubens und seiner gemeindlichen Gestalt unter vormals volkskirchlich imprägniertem Dach eine Orgel neu zu konzipieren und zu verantworten, ist eine Herausforderung. Wo Gott und die Welt, Glaube und Gesellschaft, Zuspruch und Anspruch des Christenseins nicht in plakativen Denkfiguren und statischen Sprachbildern zusammenzuhalten sind, braucht es eine neue Dynamik im produktiven Fluss von Tradition und Innovation. Die Netze müssen neu ausgeworfen werden! Was für die gemeindliche Praxis gilt, sollte auch für den Orgelbau im 21. Jahrhundert leitend sein: Eine museal anmutende Fixierung auf die Konservierung von Tradition ist ebenso fraglich wie der Hype von aktuellen Trends mit kurzer Halbwertszeit.

Die Verantwortlichen in St. Antonius haben sich mit dem kompetenten Team der Fa. Mühleisen/Leonberg für einen anderen Weg entschieden, nämlich eine à jour gebrachte Hardware mit einer neuen Software zu verbinden. Was nach neuem Wein in alten Schläuchen klingt, ist eine dynamische Nutzung aller vorhandenen Ressourcen nach dem Grundsatz einer „fluiden“ Orgel, die bei jedem Spiel unter den Händen jedes Organisten sich neu entwickeln kann.

Die „Hardware“ der Orgelanlage von St. Antonius basiert auf dem weitgehend übernommenem Pfeifenmaterial und den Windladen der Seifert-Orgel aus dem Jahr 1955 und der Christus-König-Orgel, die sich aus Registern von Eggert (um 1900), Feith (1960) und Sauer (1999) zusammensetzt. Die Übernahme von gut 70% alten Pfeifenmaterials spiegelt eine Wertschätzung des in der Gemeinde Bestehenden und eine sich vollziehende Neubewertung des Instrumententypus der Nachkriegszeit. Wurden diese im Geist der Orgelbewegung nach klassischem Werkaufbau gebauten Orgeln mit dem typischen, oftmals schlichten Freipfeifenprospekt noch vor wenigen Jahren historisch, stilorientiert sich definierenden Neubauten geopfert, so ist ihr Kurswert heute gestiegen. Die Verbindung von durchaus romantisch eingefärbter Intonation bei gleichzeitiger Würdigung klassischer Dispositionsprinzipien der Orgeln der „Wirtschaftswunderjahre“ in Deutschland werden heute positiver bewertet. Wenn Windladen und Tontraktur gut gebaut sind und solide funktionieren, bietet das Pfeifenmaterial bei angemessenen Mensuren dem erfahrenen Intonateur eine profunde Grundlage, um das Klangbild flexibel neu zu gestalten. Wo einst Zinkpfeifen als Relikte von billigem Nachkriegsmaterial unbedacht ausgetauscht wurden, hört man heute genauer hin bevor man urteilt.

Dieser pragmatische Weg, bei dem das Ohr entscheidet und nicht ideologische Positionen, ist der in St. Antonius beschrittene Weg: Neukonzeption statt Neubau. Die mit Augenmaß neu hinzugefügten Register erweitern sinnvoll das Klangspektrum um Flöten, Streicherchor und Zungenstimmen ohne die Ästhetik des deutschen Orgelbaus des 20. Jahrhunderts zu verlassen. Die Balance aus symphonischer und neobarocker Ausrichtung des Instruments bleibt erhalten.

Die Instrumente der 1950er Jahre sind eben nicht unter dem Anspruch einer historisch perfekt abbildenden Kopie barocker Vorbilder entstanden, sondern als Erneuerung des auf romantische Klanglichkeit begrenzten und oftmals industriell gefertigten Orgelbaus des beginnenden 20. Jahrhunderts. Originalität unter Nutzung aller technischen Möglichkeiten war leitend und nicht der Anspruch stilistisch korrekten Nachbauens historischer Vorbilder. Die elektrisch angesteuerte Kegellade unter Verwendung von Membranen als pneumatische Unterstützung wie sie in der Seifert-Orgel von 1955 verwendet wurde, war damals Standard. Gegenüber der mechanischen Traktur scheint die Tonerzeugung über einen Magneten maschinell und wenig beeinflussbar. Jedoch bot die elektro-pneumatische Kegellade, wo sie als Einzeltonlade gebaut wurde, vielfältige Möglichkeiten aus Platz- oder Kostengründen die vorhandenen Pfeifen in anderen Teilwerken als Transmissionen oder in anderen Tonlagen als Auszüge zu benutzen. Was in Zeiten begrenzter Mittel und Materialien als kreativer Umgang mit den Ressourcen genutzt wurde, war eine der Inspirationsquellen für die neu entwickelte Orgelsteuerungstechnik der Firma Sinua wie sie 2012 als Prototyp an in St. Peter und Paul in Ratingen realisiert wurde.

Die „Software“ der Orgelanlage ist ein dreidimensionales Netzwerk: Von den zwei Hauptspieltischen auf der Empore und im Kirchenschiff werden Hauptorgel, Christ-König-Chororgel und das zu bauende Fernwerk als in dieser Form einzigartige Trilogie miteinander verbunden. In einer zweiten Dimension wird das gesamte Pfeifenmaterial dank der Umstellung auf eine Einzeltonansteuerung zu einem Netzwerk von nun 70 Registern, 25 Extensionen und 14 Transmissionen der Hauptorgel, die allesamt frei verfügbar sind und individuell zu neuen, nie gehörten Klängen generiert werden können. Dazu kommen Chororgel und Fernwerk. In der dritten Dimension wird die vormals elektro-pneumatische Traktur zu einer elektronischen Verbindung von Taste zur Pfeife ersetzt. Was bietet dem Organisten und dem Hörer dieses DDD-Netzwerk?

Zunächst wird der große neo-romanische Raum zur Klangskulptur: von der Empore entfalten Register ein Spektrum vom „verschwebenden Schweigen“ – so die Gottesbegegnung des Propheten Elija in den Worten Martin Bubers – bis hin zum pfingstlichen Klangmagma. Die Chororgel gibt der singenden Gemeinde wie auch Chorgruppen eine angenehme klangliche Präsenz im Kirchenschiff. Die aus der Kuppel herab vom Himmel fallenden Klänge des im Bau befindlichen Fernwerks eröffnen einen dritten Ort der Klangausbreitung. Wie bei den prominenten Beispielen eines originalen Fernwerkes in der Orgelanlage des Passauer Domes und in der Erlöserkirche in Bad Homburg aus der ersten Hälfte des 20. Jh. wird auch in St. Antonius das architektonische Raumprogramm klanglich gespiegelt. Eine umfassende und zugleich subtil dosierbare Beschallung des Raumes ist das Ziel.

In der zweiten Dimension entfesselt die netzwerkgesteuerte Technik der Orgelanlage jedes einzelne Register und jede einzelne Pfeife. Im klassischen Orgelbau ist jedes Register als Klangfarbe inspiriert von zeittypischen Instrumenten einem Teilwerk zugeordnet. Register wie Flöten, Streicher, Oboe, Fagott, Trompete können solistisch oder im Ensemble erklingen. Teilwerke, die jedes wie ein selbstständiges Ensemble aufgebaut sind, können sich konzertant-dialogisierend gegenübertreten oder gekoppelt werden. Nun erlaubt es die IT-Technik, dass diese vom Orgelbau vordefinierten Klangkörper entfesselt werden können: Alles kann überall auf vier Manualen und Pedal erklingen. Völlige Freiheit der Nutzung aller Farben für jeden Organisten und jede Musik in ihrer Einmaligkeit.

Nicht genug: Dank des „Registereditors“ kann der kreativ ambitionierte Organist am Diagramm neue Klangfarben schaffen aus dem vorhandenen Register-Bestand mit 6.499 Pfeifen. Der Organist wird zum Klangdesigner, der das, was der Intonateur auf der Basis wohlüberlegter Mensurierung in künstlerischer Tongebung geschaffen hat, auf völlig neue Weise nutzen und nuanciert individuell zusammenstellen kann.

Die Tiefendimension ist die elektronische Spieltraktur. Erwartet man hier eine Nachbildung von Mechanik auf elektronischem Wege in Form einer andernorts aufwendig versuchten Abbildung des Tastengangs auf die Bewegung der Magnete, so wird man enttäuscht und zugleich auf einen anderen Weg geführt: die Elektronik gestattet eine dynamische Anschlagskultur – angelehnt an die des Klavierspiels. Je nach Tastendruck und Schnelligkeit werden verschiedene Lautstärkestufen oder Klangvarianz möglich. Statt einer sensiblen Orgelmechanik, die bei entsprechend niedrigem Winddruck die Tonentstehung in An- und Absprache zu modellieren vermag, bietet das elektronische Netzwerk eine Dynamik unter Zuhilfenahme der MIDI-Technik von ePianos. Gab es bei den Kinoorgeln der 1920er Jahre einen „second touch“, so eröffnet die neueste Orgelsteuerungstechnik eine dynamische Anschlagsgestaltung, die in Literatur und Improvisation neue Möglichkeiten der Darstellung bietet und an das Spiel des Organisten pianistisch neue Herausforderungen stellt. Die Festlegung, wann und wie lange eine Pfeife erklingt – mit dem Anschlag der Taste oder später, länger als der Anschlag der Taste oder kürzer – erweitert die schöpferische Dimension: die Akustik des Raumes kann verändert werden, Echos und Loups entstehen, rhythmische Staffelungen, neue Klänge durch minimalisierte Tonansprache. Nimmt man die zahlreichen Schlagwerke hinzu, ist die „rhythmische Dynamik“ der von vielen Komponisten als statisch abgelehnten Orgel in eine neue, bis dato unerreichte Ära gelangt.

Ganz im Geiste des Ingenieurs Ktsebios, dem Erfinder der Hydraulos im 3. vorchristlichen Jh. in Byzanz, und im Sinne des als „Werkzeug“ der Glaubensverkündigung und des Lobpreises in die mittelalterlichen Kathedralen eingezogenen „organon“ hat die neukonzipierte Orgelanlage von St. Antonius die IT-Netzwerke unserer Alltagswelt integriert. Der französische Philosoph Michel Serres hat in seiner originellen, phänomenologischen Typisierung die „kleinen Däumlinge“ als Ikonographie des smartphone-Zeitalters herausgestellt. Der Patron der mit flinkem Daumen Kommunikation, Wissen und Identität bewegenden Generation ist – so Serres – der Hl. Dionysius, dargestellt mit seinem abgeschlagenen Kopf in den Händen. Der Legende nach lief der der erste Bischof von Paris nach seiner Enthauptung auf dem Montmartre weiter bis zu der Stelle, wo sich die Kathedrale von Saint-Denis heute als Grabstätte des Märtyrer-Bischofs erhebt. Was vordergründig nach Kopflosigkeit aussieht, interpretiert Serres als Bild der Externaliserung der schöpferischen Intelligenz. Galt Technik oftmals als Entfremdung des Menschen von sich selbst, so scheint sie heute geradezu eine Erweiterung unseres Körpers und Geistes, die wir in Form von Tablets, Smartphones oder eben im Orgelspieltisch versteckt, mit uns führen. Die „Demokratisierung des Wissens“, die Serres daraus ableitet, könnte auch der unter Orgelklängen sich versammelnden singenden, hörenden und glaubenden Gemeinschaft zugutekommen.

Wie an der Kathedrale von St. Denis vor den Toren von Paris am gotischen Baustil und am Opus 1 der Orgelbau-Ikone Aristide Cavaillé-Coll abzulesen ist, entstehen Innovationen dort, wo die Balance aus bewahrender Tradition und befreiendem Bruch gewagt wird und zugleich gewahrt bleibt. In St. Antonius in Oberkassel ist eine Orgelanlage entstanden, die quasi unter dem Patronat des Hl. Dinoysius die Fäden alter und neuer Netzwerke zu einem Unikat im Orgelbau des Erzbistums Köln und darüberhinaus verwebt. In Zeiten der Krise einen Weg der Wertschätzung des Bewährten zu gehen und diesen mit der aktuellen Lebenswirklichkeit und seiner technikbasierten Identität zu verbinden, ist gleichermaßen bemerkenswert wie zukunftsweisend.

Der Kirchengemeinde, ihrem Kantor Markus Hinz und dem Team der Firma Mühleisen, die Ideen aufgegriffen und zu einem künstlerisch überzeugendem Opus geführt haben, kann man nur gratulieren und allen danken, die zu diesem Netzwerk aus Klängen und Technik einen Beitrag geleistet haben. Möge das Fluidum dieser vieldimensionalen Orgelanlage viele Menschen inspirieren und auf ihrem Glaubens- und Lebensweg dynamisch begleiten!

Ansgar Wallenhorst