selbstspielende Maschinen spielen

retro-futuristische Maschinenmusik von gamut inc

Automatisierten Instrumenten begegneten wir zum ersten Mal in der Kunst-Station Sankt Peter beim Installationskonzert „Kopplungen“. Dabei wurden Bewegungsdaten einer kinetischen Installation nach bestimmten kompositorischen Verfahren von einem Computer gedeutet, und als musikalisch spielbare Daten an die Orgel übertragen. Bei dieser Gelegenheit lernten wir auch Gerhard Kern und seine Maschinen kennen und schätzen. Schon davor waren wir an einer möglichst engen und gleichberechtigten Kombination von elektronischer- und akustischer Musik interessiert – eine Synthese, die sich in diesen computergesteuerten Musikautomaten geradezu manifestiert.

Carillon von Gerhard Kern

Carillon von Gerhard Kern

Die Maschinen erzeugen Schall mechanisch, werden aber von einer elektronischen Apparatur in Bewegung versetzt, und von digitalen Signalen gesteuert. Diese Musikroboter schließen die Lücke zwischen akustischer und elektronischer Musik, und verdeutlichen das Kontinuum zwischen beiden Musikpraktiken. Manche der Instrumente zeigen das in besonderem Maße – wie zum Beispiel das „BowJo“: ein Hybrid auf Banjogrundlage. Dessen Saiten werden mitunter von elektro-magnetischen Feldern in Schwingung versetzt – ein sehr ähnliches Prinzip bringt die Membran eines Lautsprechers zur Wiedergabe elektronischer Musik zum Schwingen. Der Ton, den dieses Instrument erzeugt, hat so gut wie keinen Anschlag und ist von seiner Obertonstruktur ziemlich rein, was an Sinusschwingungen erinnert. Herrmann von Helmholz nutzte ein ähnliches Prinzip im 19ten Jahrhundert, um mit Stimmgabeln und Elektromagneten zum ersten Mal verschiedene menschliche Vokale zu synthetisieren.

Je weiter wir in die eigentümliche Logik der Musikmaschinenwelt vordringen, wird klarer was daran besonders interessant erscheint. Vornehmlich das, was ein menschlicher Spieler nicht realisieren kann: extrem schnelle Repetitionen oder Tonbewegungen drängen sich auf, ebenso vielstimmige Akkorde, eine allein durch die Anzahl der Tasten abhängige Polyphoniefähigkeit sowie komplexe bis irrationale rhythmische Verhältnismäßigkeiten. Conlon Nancarrow hat hier mit seinen „Studies for Player Piano“ eindrucksvoll einige Wege aufgezeigt.

Weitere Möglichkeiten erschliessen zum Beispiel die extrem kurze Töne, die nur wenige Millisekunden angeschlagen werden. Je nach Instrument entstehen dadurch spezifische Klangfarben, perkussive Effekte oder – wiederrum kombiniert mit den schnellen Repetitionsraten – Flatterzungenartige Tremoli, deren Parameter sich sehr fein steuern lassen. Bis zu einem gewissen Grad lassen sich sogar Syntheseverfahren der elektronischen Musik imitieren.

Moderne Musikmaschinen können ebenfalls sehr präzise Anschlagsdynamiken erzeugen. Wesentlich mehr als ein Mensch spielen, und zuweilen gar hören kann. Zudem kann man jedem simultan angespielten Ereignis, eine eingenständige Dynamik und Dauer zugeweisen – stufenlose Übergange zwischen Rhythmus und Tonhöhe lassen sich dadurch annäherend realisieren. Dieses Phänomen lotete Stockhausen in „Kontakte“ mit Tonbändern aus. Mit unseren Maschinen nähern wir uns dieser Grenze ohne Lautsprecher mit rein akustischem Material an. Ähnlich verhält es sich mit Tonbewegungen: sie werden gerade bei chromatischen Läufen zu glissandoartigen Effekten. Unter anderem Ligeti arbeitete damit bereits in seinen Stücken für Player Piano.

Doch der Mensch muss – neben all diesen Erweiterungen gegenüber seiner Spielfähigkeiten – nicht auf allen Ebenen zurückstecken: er besticht durch intelligenten Umgang mit musikalischem Material. Die Maschine ist (noch) nicht in der Lage Notentext zu interpretieren – jeder noch so feine oder banale Aspekt des Vortrags muss ihr aufs genaueste diktiert werden. Das stellt diverse Herausforderungen für Komposition und Improvisation mit Maschinen dar. Für gamut inc haben wir daher – neben festgeschriebenen Kompositionen – eine Steuersoftware entwickelt, mit der wir live die Musik beeinflussen können. Wir spielen die Noten nicht direkt, sondern steuern bestimmte Parameter der Performance wie Harmonik, Rhythmik, Klangfarbe oder Dichte. Um mit anderen Musikern auch improvisieren zu können, haben wir diese Parameter über Controller zur möglichst spontanen Formgestaltung zugänglich gemacht. Auch das ein Unterschied zu menschlichen Mitspielern: Improvisationsfähigkeit der Maschine mag zwar in der hohen Schule der Algorithmenkunst lediglich eine Programmierherausforderung sein, interessant wird aber letzlich Gruppenimprovisation erst, wenn Kommunikation zwischen Menschen entsteht. Daran arbeiten wir zur Zeit in der Konzertreihe AGGREGATE, bei der verschiedene Musiker eingeladen sind, mit unserem Maschinen-Ensemble zu interagieren.

In Konzerten speisen wir das Klangmaterial der Maschinen zusätzlich über Tonabnehmer und Mikrofone in einen Computer und prozessieren deren Klang. Dies erweitert nochmals das Klangspektrum, und schliesst einen Zirkel von: digitaler Steuerung, analoger Klangerzeugung und schließlich wieder digitaler Verarbeitung. Nicht weiter ausgeführt werden kann in diesem Kontext die Automatisierung des Kompositionsprozesses selbst. Auch die musikalischen Algorithmen stellen ja – virtuelle – Maschinen dar.

Ende September werden wir das Potenzial der Roboter- und Maschinenmusik nochmals genauer erforschen: zum dreitägigen Festival WIR SIND DIE ROBOTER in Berlin laden wir Vorreiter der Maschinenmusik ein, und beauftragen Komponisten für diese Apparate neue Musik zu schreiben. Während des Festivals wollen wir herausfinden, wohin die Musik mit Maschinen jenseits des Spektakels – das die Maschinen natürlich auch immer sind – sich entwickeln kann. Anschließend wollen wir zur Orgel zurückkehren und in nächsten Jahr neue Stücke für computergesteuerte Orgel und Elektronik konzipieren.

Musikautomaten – deren Vorläufer bereits Heron von Alexandria beschrieb – schienen schon längst überholt: Das Orchestrion warb noch im anklingenden 20ten Jahrhundert damit, Musik ins Wohnzimmer zu holen. Mit Erfindung des Lautsprechers wurde die sperrige Technik obsolet, und nur für wenige Instrumente – wie eben das Player Piano – besteht noch ein aktiver Markt, entsteht neue Musik. Aber die umfassende Digitalisierung vereinfacht einerseits den Zugang zur Steuermechanik und Elektronik, und läßt gleichzeitig eine Sehnsucht nach akutischen Klang entstehen, ohne auf die Prozesse der elektronischen Musik verzichten zu müssen. Hierzu bieten die Musikmaschinen ein herrlich weites und weitgehend unbeackertes Feld.

Marion Wörle und Maciej Sledziecki

www.gamut-ensemble.de